Sehr geehrte Damen und Herren!
Meine Ausführungen zum Thema Toleranzgedanke und religiöse Werte im Islam möchte
ich einige Grundsätze zum Selbstverständnis des Islams vorausschicken.
Der Islam ist die Jüngste der
monotheistischen Religionen. Die Muslime glauben also an einen einzigen Gott,
der zugleich Schöpfer und Erhalter des Universums ist. Das Wort Allah ist ein
arabischer Begriff und bedeutet „der Eine Gott“. Auch arabischsprachige
Christen verwenden das Wort Allah, wenn sie von Gott sprechen.
Aus islamischer Sicht ist der
Mensch kein Zufallsprodukt der Natur. Er ist vielmehr von Gott auserwählt
worden, um Sein Statthalter in dieser Welt zu sein. Er trägt daher eine sehr
hohe Verantwortung und sollte im Umgang mit der
Schöpfung (also im Umgang mit seinen Mitmenschen und mit der Natur) im
Sinne Gottes handeln.
Damit der Mensch diesen
Auftrag erfüllen kann, wurde er von Gott mit einem freien Willen ausgestattet
und mit der Fähigkeit sich sowohl zum Guten als auch zum Bösen zu
entwickeln. Er braucht auf diesem Weg jedoch eine Rechtleitung von Gott. Diese
wird ihm in zwei Formen zuteil:
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Eine innere Veranlagung (die Sog. Fitra).
Diese von Gott verliehene Fähigkeit gibt ihm die Fähigkeit zwischen Gut und
Böse zu unterscheiden. Bei seiner Geburt ist der Mensch nach islamischer
Auffassung frei von Sünden und kann durch seine Veranlagung, die ihm als eine
Art Kompass dient, sich in seiner Entwicklung orientieren. Der Mensch muss
sich daher auch ausschließlich für seine eigenen Taten vor Gott
verantworten. Im Koran 99:7-8 heißt es: „Wer
auch nur eines Stäubchens Gewicht Gutes tut, der wird es dann sehen. Und wer
auch nur eines Stäubchens Gewicht Schlechtes tut, der wird es ebenfalls sehen“.
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Das Prophetentum: Die Menschheit durchlief
in ihrer historischen Entwicklung verschiedene Stufen und wurde von Gott durch
die Entsendung von Gesandten und Propheten, die die religiösen Werte übermittelten,
auf diesem Weg begleitet. 14:4 „und
wir schickten keinen Gesandten, es sei denn mit der Sprache seines Volkes, auf
dass er sie aufkläre...“.
Nach
einer Überlieferung des Propheten Mohammad übersteigt die Zahl der
Gesandten, die im Auftrag Gottes handelten 124000 Gesandte und Propheten.
Der Glaube an alle monotheistischen Religionen und ihre Vertreter ist also
ein Bestandteil des islamischen
Glaubens. 2:285 „...
ebenso die Gläubigen: Sie alle glauben an Allah, an Seine Engel, an Seine Bücher
und an Seine Gesandten. Wir machen keinen Unterschied zwischen seinen
Gesandten“. 2:136 „sprecht: Wir
glauben an Allah und an das, was uns herabgesandt worden ist, und was Abraham,
Ismael und Jakob und Ihren Nachkommen herabgesandt wurde, und was Moses und
Jesus gegeben wurde, und was den Propheten von ihrem Herrn gegeben worden ist.
Wir machen keinen Unterschied zwischen Ihnen, und ihm sind wir ergeben“.
Dieser letzte Vers macht
unmissverständlich klar, dass der Islam in seiner Beziehung zum authentischen
Judentum und Christentum weit über bloße Toleranz hinausgeht. „Wir
machen keinen Unterschied zwischen seinen Gesandten“.
Da die von Moses und Jesus
(f.s.m.i.) überbrachten göttlichen Botschaften jedoch nicht mehr in ihrer
ursprünglichen Form erhalten sind und sich von Menschen abgeleitete Dogmen
eingeschlichen haben, war die Entsendung eines weiteren Propheten, Mohammad
notwendig.
Der Koran, das heilige Buch
der Muslime bestätigt die früheren Propheten, verneint aber die
Gottessohnschaft Jesu.
Der Koran enthält die Verse,
die dem Propheten Mohammad über einen Zeitraum von 23 Jahren von Gott
offenbart und von den Weggefährten des Propheten zunächst auf Palmblättern
und Tierhäuten festgehalten wurden. Nach dem Tod des Propheten Mohammad
wurden die Texte in Buchform zusammengestellt und sind bis heute vollständig
erhalten.
In einem ersten Schritt möchte
ich nun die religiösen Werte des Islam in Zusammenhang mit seinem
Menschenbild erörtern.
Wie Anfangs bereits erwähnt
hat der Mensch aus islamischer Sicht eine sehr hohe Stellung in der Schöpfung
inne. So heißt es dazu im Koran 95:4 „wir
schufen den Menschen in bester und schönster Ordnung“. 33:72 „siehe
wir boten die Verantwortung den Himmeln an und der Erde und den Bergen; doch
sie weigerten sich sie zu tragen und fürchteten sich davor. Nur der Mensch
hat sie auf sich genommen; wahrlich neigt er zum Größenwahn“. Dem
Menschen wurde vor allem die Fähigkeit gegeben, sich aus eigener Kraft
weiterzuentwickeln und die höchsten Stufen der Menschlichkeit zu erreichen.
Gott hat den Menschen auserwählt und ehrte ihn mit dieser Stellung gegenüber
dem Rest der Schöpfung. Weitere Verse im Koran bestätigen diese Aussage:
17:70 „und wir ehrten die
Nachkommenschaft von Adam und trugen sie zu Land und zur See und zeichneten
sie gegenüber vielen unserer Geschöpfe aus.“
Die vielleicht größte Gabe,
die Gott den Menschen zuteil werden ließ, ist die Fähigkeit zum Nachdenken
und seine Gedanken zu formulieren. Bereits der erste Vers der Offenbarung
beginnt mit der Aufforderung zum Lesen: 96:1-5 „lies!
Im Namen Deines Herrn, der erschaffen hat, er erschuf den Menschen aus einem
Blutgerinsel. Lies! Denn Dein Herr ist allgütig. Der den Gebrauch der
Schreibfeder gelehrt hat, er lehrte dem Menschen was er nicht wusste“.
Diese Verse machen deutlich, dass diese Fähigkeiten und Auszeichnungen der Güte
Gottes entstammen. Der Mensch wird an vielen Stellen im Koran aufgefordert von
diesen Fähigkeiten auch regen Gebrauch zu machen. In einer Überlieferung des
Propheten heißt in diesem Sinne: „Eine
Stunde Nachdenken ist besser als ein Jahr Gottesdienst“.
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Die Propheten traten stets als
Warner auf, wenn eine Gesellschaft sich zu weit von den
Religiösen Werten entfernt
hatte etwa durch Promiskuität, Korruptheit, .... In einer sehr bekannten Überlieferung
sagt Prophet Mohammad: „Wahrlich
wurde ich entsandt, um die moralischen Werte zu vervollkommnen.“
In einer weiteren
prophetischen Überlieferung werden den Gläubigen u.a. folgende
Handlungsweisen als richtig und nachahmenswert genannt: „Mein
Herr riet mir zu neunerlei: zu Aufrichtigkeit im geheimen und Offenbaren; zu
Gerechtigkeit in Zufriedenheit und Zorn; Zu Mäßigkeit in Armut und Reichtum;
Zu Vergebung für jenen, der mir Unrecht getan hat; Dem zu geben, der mir
vorenthalten hat; mich dem zuzuwenden, der sich von mir abgewendet hat; Dass
mein Schweigen Nachdenken sei, meine Rede Gottesgedenken und mein Sehen
Achtsamkeit“.
Diese moralischen Werte sind
vielen Religionen gemein und können eine Basis für eine friedvolle
multireligiöse Gesellschaft sein. Allah sagt: „Wir
haben ihm (dem Menschen) beide Richtungen gezeigt“ oder auch 76:3 „wir
rechtleiteten ihn auf dem Pfad, mag er nun dankbar sein oder undankbar“.
Der Mensch kann aber durch sein Verhalten Hindernisse aufbauen, die ihn auf
diesem Weg behindern. Er kann sich auch weit von den Werten entfernen und kann
sehr tief absinken.
Eines der Hindernisse auf dem
Weg zu Höherem ist Tyrannei und Unterdrückung. In 96:6 heißt es dazu: „Wahrlich
der Mensch neigt zur Tyrannei, wenn er sich überlegen und unabhängig fühlt“.
Das Gefühl der eigenen Überlegenheit und der Übermacht blendet den Menschen
und verhindert, dass er höhere Stufen in seiner Entwicklung erreicht. Ihm ist
der Zugang zu der Ehre und Güte Gottes versperrt, solange er sich im Kontext
der Schöpfung nicht als ein Diener Gottes empfindet und daraus ein Gefühl
der Bescheidenheit entwickelt.
Ein weiteres Hindernis auf dem
Weg zur Vervollkommnung des Menschen ist der Hang zum Materiellen. Das übertriebene
Streben nach Geld, Macht oder sozialer Anerkennung kann den Menschen dazu
verleiten, seine spirituelle Dimension zu vernachlässigen. Der Islam versteht
den relativ kurzen Aufenthalt der Menschen auf dieser Welt als einen Übergang
auf dem Weg zur Ewigkeit. Alles Materielle auf dieser Welt ist vergänglich
und nur die Taten begleiten den Menschen, wenn er in der Ewigkeit angekommen
ist. Imam Ali, ein Weggefährte und sehr enger Vertrauter des Propheten, sagte
in diesem Zusammenhang: „Der Hang zum
Diesseits ist der Kopf (oder Beginn) einer jeden Sünde“. Wenn wir
bedenken, dass alles, was wir uns im Diesseits verfügbar machen können uns
nur anvertraut und von vorübergehender Natur ist und, dass nur Gott allein
der eigentliche Besitzer sein kann, wird uns dieser Gedanke klarer. Im Koran
heißt es dazu: „Wahrlich der
angesehenste von euch bei Gott ist der Gerechteste unter euch“.
Dem Leben wird im Koran ein
sehr hoher Stellenwert beigemessen. In 5:32 heißt es dazu: „Wer
eine Seele zu unrecht tötet, so ist es als hätte er die gesamte Menschheit
ausgelöscht, und wer das Leben eines Menschen rettet, so ist es als hätte er
die gesamte Menschheit gerettet“. In diesem Vers wird darauf
hingewiesen, wie wertvoll jedes einzelne Menschenleben für die Gesellschaft
ist.
In einem zweiten Schritt soll
nun gezeigt werden, welche Rolle die Religion aus islamischer
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Sicht spielt.
Der Mensch hat sowohl
materielle als auch spirituelle Bedürfnisse. Darin sind sich die Religionen
und viele Weltanschauungen einig. Im Islam wird der Bogen zwischen den beiden
Aspekten sehr eng gespannt. Eine Trennung zwischen Religiösem und Weltlichem
ist kaum
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Möglich. Für einen Menschen,
der die höheren Werte anstrebt und im Einklang mit der Schöpfung lebt wird
das ganze Universum zur Gebetsstätte und jede Handlung und jede Form des
Schaffens sogar jeder Atemzug wird zum Gottesdienst. Ob der Arbeiter, der
durch seine schweißtreibende Arbeit den Unterhalt seiner Familie érwirtschaftet
oder der Künstler, der den Menschen eine Freude und Bereicherung durch seine
Kunstwerke beschert oder der Arbeitgeber oder leitende Angestellte eines
Unternehmen, der durch seine erfolgreiche Arbeit das Einkommen vieler Familien
sichert, kurz, jeder, der mit lauterer Absicht zum Wohle der Menschheit beiträgt
vollzieht Gottesdienst.
Jedes rituelle Gebet und jede
spirituelle Übung sowie jede Beschäftigung werden nach ihrem Nutzen für die
Gemeinschaft bewertet. Im Koran 6:163 heißt es: „Sprich:
Wahrlich, mein Gebet und mein Gottesdienst, mein Leben und mein Sterben sind
Gottes, dem Herrn aller Welten“. Alle Dimensionen des Menschen, jede
Sekunde seines Lebens und jede seiner Handlungen sollten daher den gleichen
Bezug zum göttlichen Ursprung haben.
...
Wie sieht es nun mit dem
Toleranzgedanken im Islam aus?
Wie mehrfach aufgezeigt, gibt
es einen Grundkonsens verbindender ethischer Normen. Die äußere Form, d.h.
die Rituale und die spezifische Ausprägung der jeweiligen Wege können jedoch
sehr unterschiedlich sein und reflektieren manchmal bestimmte kulturelle,
geographische und historische Aspekte.
Diese Unterschiede werden
jedoch im Islam keineswegs negativ bewertet. Im Gegenteil: die Unterschiede
zwischen den verschiedenen ethnischen und kulturellen Gruppen werden als eine
Bereicherung für die Menschheit verstanden. Im Koran lesen wir: „O
Ihr Menschen, wir haben euch von Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern
und Stämmen gemacht, dass Ihr einander kennenlernt und euch austauschen möchtet.
Wahrlich der angesehenste von euch ist vor Gott der, der unter euch der
Gerechteste ist“. An einer anderen Stelle heißt es: 4:48 „und
Wenn Allah gewollt hätte, hätte er euch zu einer Gemeinde gemacht“.
Die Zukunft unserer Welt liegt also nicht in einer Vereinheitlichung der
Religionen, sondern darin, gemeinsam dem Werteverfall etwas entgegen zu
setzen. Eine Gesellschaft, eine Religion oder eine Kultur kann sich nicht
abschotten. Der Austausch mit anderen Kulturen und Religionen ist essentiell für
ihr Überleben.
Der Schlüssel zu einem
friedlichen und fruchtbaren Zusammenleben der Religionen und der Kulturen
liegt also zunächst in der Erkenntnis, dass sie sehr vieles verbindet und,
dass sie sehr viel voneinander lernen und profitieren können. Dies kann natürlich
nur in einem friedlichen und von gegenseitigem Respekt gekennzeichneten Umfeld
erfolgen. Der Koran misst diesem Thema sehr viel Bedeutung bei und begnügt
sich nicht mit dem bloßen Aufruf zum Dialog mit den anderen Religionen. Darüber
hinaus werden die Rahmenbedingungen und Richtlinien für einen erfolgreichen
Dialog definiert.
Eine wichtige Voraussetzung für
einen fruchtbaren Dialog, ist die echte Bereitschaft vom anderen zu lernen.
Der Koran betont diesen Aspekt und fordert die Gläubigen zum
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Nachdenken und zur Offenheit
auf. Vom Menschen als Statthalter Gottes wird erwartet, dass er kritisch
beobachtet, hinterfragt, abwägt und nach Alternativen sucht: 39:19 „...
und bringt meinen Dienern eine frohe Botschaft, ihnen, die auf das Wort hören
und dem Besten davon folgen“.
Die Form des Dialogs ist
ebenfalls von großer Bedeutung. Damit ein Austausch entstehen kann, müssen
die Teilnehmer einander respektieren. Gott befiehlt den Muslimen im Koran:
„Und
diskutiert mit den Leuten der Schrift nur in der schönsten Form“. An
anderer Stelle lesen wir: 16:126 „Rufe
zum Pfad deines Herrn herbei mit Weisheit und schöner Ermahnung und führe
mit ihnen den besten Dialog“.
Die Muslime werden im Koran
aufgefordert, im Dialog mit den anderen Religionen immer die Gemeinsamkeiten
zu betonen, damit eine gute Grundlage für den Austausch geschaffen wird: 3:64
„sprich: O Ihr Leute der Schrift,
kommt her zu einem Wort, das gleich ist zwischen uns und euch, dass wir Gott
allein dienen, und dass wir nicht einander zu Herren nehmen neben Gott“.
Der interreligiöse Dialog wird auf immer mehr Veranstaltungen praktiziert.
Etwa beim evangelischen Kirchentag, oder seit Jahren in Hamburg zwischen dem
Islamischen Zentrum, der ev. Kirche, der jüdischen Gemeinde und dem tibetisch
buddhistischen Zentrum. Oder auf internationaler Ebene, z.b. beim Parlament
der Weltreligionen in Kapstadt.
Als Zeichen des Respekts und
der Anerkennung der Authentizität der anderen Religionsgemeinschaften kann
der folgende Vers aus dem Koran verstanden werden: 3:113-114 „Sie
sind nicht gleich. Unter den Leuten der Schrift gibt es eine aufrechte
Gemeinschaft. Sie rezitieren die Verse Gottes zu Nachtzeiten, während sie
sich niederwerfen. Sie glauben an Gott und an den jüngsten Tag. Sie gebieten
das Gute und lehnen das Verwerfliche ab und eilen zu den guten Taten um die
wette. Sie gehören wahrlich zu den Rechtschaffenen...“. Darin wird
eindrucksvoll aus der Sicht des Islams dokumentiert, dass jeder Mensch, der im
Einklang mit seiner Religion lebt und die religiösen Werte respektiert, das
Heil erreichen kann. Ein Anspruch auf Exklusivität wird im Islam nicht
erhoben.
29:46 ist ein weiterer Beleg für
diese Aussage: „...Sprecht: Wir
glauben an das, was uns offenbart wurde und and das, was Euch offenbart wurde.
Unser Gott und Euer Gott ist Einer, und wir sind ihm ergebene Bekenner“.
09.07.2001
Vorsitzender der Islamische
Akademie Deutschland
e.V. Sektion München
Übersetzung
Wissenschaftlicher Beirat der
IAD Sektion München