Eine
Gedicht von Hafiz
Zu Beginn sei auf zwei
wichtige Punkte hingewiesen:
Saghi, schenk ein
den Wein
Saghi, schenk ein
den Wein und lass den Becher kreisen!
Im Anfang schien
die Liebe leicht, die dann zum Rätsel ward.
Wann bringt der
Wind den Moschushauch von deinem Haar?
Von deinen Locken
wurden alle Herzen Wund.
Wie fänd ich
Frieden doch in deinem Haus,
da ruft die
Karawanenglocke schon zum Weiterzug!
Färb den
Gebetsteppich mit Wein, wie es der Weise sagt,
dann wirst du,
Pilger auch vom Sinn des Weges dein Teil
erfahren.
Was wissen denn
die Leichtbebürdeten am Strand von uns,
die Nacht und
Wogensturm umgibt...
Durch meinen
Eigensinn erwarb ich mir den schlechten Namen.
Wie kann Geheimnis
auch verborgen bleiben, das bei Zusammenkünften verhandelt wird!
Hafis, erhalt dir
des Geliebten Gegenwart,
entsage dieser
Welt, wenn du gefunden, den du liebst!
Saghi, schenk ein
den Wein und lass den Becher kreisen!
Im Anfang schien
die Liebe leicht, die dann zum Rätsel ward.
Oh Schenke, laß den
Becher jedem einzelnen in der Runde zukommen, bis er zuletzt bei mir ankommt.
Denn solange nicht jeder einzelne der Anwesenden mitgetrunken hat, wird die
Trinkgemeinschaft ihre Harmonie nicht finden.
Oh Schenke gib mir Wein, denn die Leidenschaft zum Geliebten schien zunächst
ein leichtes Spiel, doch sehr bald schwand die Leichtigkeit dahin.
Bei diesen Worten bezieht sich Hafis auf einen Koranvers, in dem Allah den
Menschen die Frage stellt: „Bin ich denn nicht Euer Herr?“ und die
Menschen die Frage durch ihre Fitra immer spontan mit „ja“
beantworteten.
Hafis sagt, dass ihm die erste Leidenschaft , die einer reinen Liebe
entsprang, am Anfang sehr leicht fiel. Doch nun, da er über beide Ohren
verliebt ist, bereitet ihm diese Leidenschaft sehr viele Schwierigkeiten. Er
bekennt seine Abhängigkeit und sagt: Wenn ich nicht regelmäßig diesen Wein,
d.h. diese reine Liebe trinke, werde ich diesen Zustand nur sehr schwer
ertragen können.
Die Trennung vom Geliebten versetzt den Liebenden in einen Zustand innerer
Unruhe. Dieser Zustand wird gelindert, wenn der Liebende eine Zuwendung des
Geliebten erfährt.
Einem Liebenden, dessen
Liebe aufrichtig ist, sind alle Gegensätze einerlei, ob Nähe oder
Entfernung, ob frohe Botschaft oder Bedrohung, ob er wohl angesehen ist oder
erniedrigt wird, ob er Trauer oder Freude erfährt, ob Lachen oder Weinen. All
diese Zustände sind ihm gleichgültig, da er in seinem Geliebten den Ursprung
aller Dinge sieht und nur bei ihm seine Ruhe finden kann.
In jedem Fall drückt
der verliebte Hafis folgendes aus: O Geliebter, aufgrund Deiner Schönheit
befinden sich nicht nur Deine Liebenden, sondern die ganze Welt in einem
Zustand der Trunkenheit. Doch bitte ich Dich hiermit, dieser kleinen Schar von
Menschen, die Dich so leidenschaftlich liebt, eine höhere Aufmerksamkeit zu
widmen und erlaube ihr Deine Schönheit zu betrachten, damit ihre Leiden
gelindert werden.
Deine Liebe schien am Anfang leicht, da die späteren Schwierigkeiten den
Liebenden zunächst verborgen blieben. Diese Menschen, die zu Dir wandern sind
auf Deine Zeichen angewiesen, damit ihnen das Erklimmen der einzelnen Stufen
nicht zu schwer erscheint.
Zusammengefasst lässt
sich sagen, dass Hafis für sich und die anderen Wanderer auf dem mystischen
Pfad um Ausdauer und Beständigkeit bei der Hingabe zum Geliebten bittet.
Wann bringt der
Wind den Moschushauch von deinem Haar?
Von deinen Locken
wurden alle Herzen Wund.
Hafez verwendet in
diesem Vers den Begriff „saba“. Damit bezeichnet man jenen Wind, der den
Sonnenaufgang begleitet und zwar während der Jahreszeiten, in denen Tag und
Nacht gleich lang sind. Die Dichter und Mystiker beschreiben mit diesem
Begriff den Wind, der von der Gasse des Geliebten kommt.
Er spricht weiterhin von
den lockigen und gewellten Haaren des Geliebten, die wie die Glieder einer
Kette aussehen. Diese Locken und Wellen symbolisieren nach seiner Auffassung
die Hindernisse, die eine direkte Sicht auf den Geliebten unmöglich machen.
Der schöne Duft, der von den Locken des Geliebten ausgeht, füllt das Herz
mit Blut. Das lange Warten auf den Geliebten lässt die Herzen höher
schlagen. Der frische Wind, der die welligen und lockigen Haare des Geliebten
streichelt, erreicht die Wandernden und verwirrt und erregt ihre Seelen.
Damit beschreibt Hafis
das Warten des Wandernden auf die schönen Manifestationen des Geliebten. Er
hofft, dass die Schleier, die den freien Blick zur Schönheit des Geliebten
behindern gelüftet werden. Diese Schleier sind das Ergebnis der Sünden und
Verfehlungen des Wandernden. Sie werden durch die Läuterung des Herzens
beseitigt.
Es ist, als würde Hafis
sagen: O Herr verschließe nicht die Tore Deiner Barmherzigkeit vor denen, die
Deine Einheit bezeugen und verweigere nicht den Anblick Deiner Schönheit
denen, die mit Sehnsucht nach Dir streben. O Herr, diese Seele, die durch die
Bezeugung deiner Einheit erhaben wurde, warum erniedrigst Du sie durch die
lange Trennung von Dir?
Färb den
Gebetsteppich mit Wein, wie es der Weise sagt,
dann wirst du,
Pilger auch vom Sinn des Weges dein Teil
erfahren.
Wenn der Meister dich
auffordert, den Gebetsteppich mit Wein zu färben, so gehorche ihm und führe
seine Anweisungen aus, denn er ist diesen Weg bereits gegangen und kennt die
Gepflogenheiten der Wandernden. Seine Aufgabe besteht darin, möglichst viele
Wanderer zu ihrem Ziel zu führen.
Der Gebetsteppich dient
dem Gottesdienst. Die Aufforderung, diesen mit Wein zu färben, ist eine
Aufforderung, den Gottesdienst aufrichtig und mit einem reinen Herzen und viel
Liebe und Sehnsucht nach dem Geliebten zu verrichten.
Wenn der Meister dich während
der Wanderung auffordert, deine religiösen Handlungen in einer schmuckvollen
Form zu verrichten und mit voller Hingabe zum Geliebten hinaufzuschauen, so
folge ihm, denn er ist mit diesem Weg sehr vertraut und kennt die Höhen und
die Tiefen der einzelnen Stufen. Vor allem kennt er den kürzesten Weg, der
zum Ziel führt.
Selig ist, wer auf den
sicheren Pfaden wandelt, die ihm sein Meister aufgezeigt hat, der seinem
Meister gehorcht, denn mit einer guten Rechtleitung lassen sich viele Irrwege
vermeiden.
Was wissen denn
die Leichtbebürdeten am Strand von uns,
die Nacht und
Wogensturm umgibt...
Hafez geht auf die Ängste
und Unsicherheiten der Wandernden ein. Sie spüren die Gefahren des Weges. Die
Nacht scheint ihnen sehr finster, die Gewässer voller gefährlicher Strömungen.
Es bedrückt sie, dass diejenigen, die bereits am rettenden Ufer angekommen
sind, sie und ihre Ängste nicht mehr wahrnehmen können.
Die finstere Nacht und
die gefährlichen Gewässer symbolisieren das Diesseits. In einer Überlieferung
von Imam Ali (a.s.) heißt es: „Das Diesseits ist ein Meer, in dem viele
untergegangen sind“.
Diejenigen, die den Weg
gemeistert haben, den Gefahren entkommen konnten und schließlich sicher bei
ihrem Geliebten angekommen sind, haben Frieden und Ruhe bei Ihm gefunden. Wie
sollten sie dann noch unser Leiden wahrnehmen, solange wir uns in der Welt der
Trennung aufhalten und sie sich bereits mit dem Geliebten vereinigt haben?
Wie fänd ich
Frieden doch in deinem Haus,
da ruft die
Karawanenglocke schon zum Weiterzug!
Im Haus des Geliebten
finde ich keine Ruhe und keinen Frieden, da ich ständig mit der Aufforderung
zum Weiterzug rechnen muss, damit sich die Ankunft beim Geliebten nicht verzögert.
Mit dem Haus des
Geliebten sind die Orte gemeint, an denen die Nähe zu Gott erreicht werden
kann. Nach einer Überlieferung des Propheten Mohammad (s.a.s.) ist es das
Diesseits, denn er sagte: „Das Diesseits ist der Acker des Jenseits.“
Hafez weist mit diesem
Vers auf einen wichtigen Punkt hin. Auf der einen Seite wünscht er sich
nichts mehr als von der Schönheit des Geliebten verführt zu werden, seinen
Schutz zu genießen und seine Ruhe bei ihm zu finden. Doch zugleich beklagt
er, dass im Diesseits vieles die Chancen einer Annäherung beschränken kann
und dass die Betrachtung der Schönheit des Geliebten nicht immer möglich
ist. Was ihn jedoch am meisten beunruhigt, ist die Sorge, die Chancen, die
jederzeit beendet werden können nicht gut zu nutzen.
Durch meinen
Eigensinn erwarb ich mir den schlechten Namen.
Wie kann Geheimnis
auch verborgen bleiben, das bei Zusammenkünften verhandelt wird!
Alles was ich getan
habe, habe ich für mich getan. Ich gab mich meinem Selbst hin und blieb
meinem Geliebten fern. Damit habe ich mir meinen schlechten Ruf verdient und
bin für mein skandalöses Verhalten bekannt geworden. Wie sollten denn auch
meine Schwächen verborgen bleiben, wenn sie schon in aller Munde sind.
Hafez macht damit
deutlich, dass nur eine vollkommene Hingabe zum Geliebten zum Ziel führen
kann. Alle persönlichen Wünsche müssen in den Hintergrund treten. Fazit:
ich darf nur noch Ihn sehen und mich nur noch Ihm hingeben.
Hafez, erhalt dir
des Geliebten Gegenwart,
entsage dieser
Welt, wenn du gefunden, den du liebst!
Wenn du Ruhe und Frieden
bei Ihm suchst, so vergiss Ihn nie. Entsage dieser Welt bis du bei Ihm
angekommen bist. Gib alles aus, um Ihm zu dienen.
Vermeide alles, was Dich
von Ihm ablenkt. Vermeide den Hang zum Diesseits, wenn du dich Ihm hingeben
willst.
Wenn du Seine Nähe
suchst und den Anblick Seiner Schönheit anstrebst, so sei wachsam und gedenke
Seiner ohne Unterlass. Prophet Mohammad (s.a.s.) sagte zu Abu Dharr: „Bewahre
Gott und er wird dich immer bewahren, bewahre Gott und Du wirst Ihn immer vor
dir finden.“
Wenn du nach Seinem
Anblick strebst, entsage der Welt und besiege den Hang zum Diesseits. Wenn du
dein Herz erfolgreich läuterst, dann wirst du den Nektar der Liebe kosten.
Von Mahmood Khalilzadeh
Überzetzung Mohammad
Saleh