Zainab,
die Enkelin des Propheten Muhammad (s.a.s)
In der islamischen
Geschichte gab es viele Frauen, deren politisch-soziologische Einsätze von
großer Bedeutung waren. Die Frauen des Propheten (s.a.s) hatten alle
bedeutende Rollen in der Weitergabe der islamischen Lehre.
Zainab war eine herausragende Frau, und ihr Einsatz in einer kritischen Epoche
der Geschichte war von großer Bedeutung. Sie war die Enkelin des Propheten
(s.a.s) und die Tochter von Fatima und Ali. Sie wurde zu Lebzeiten des
Propheten (s.a.s) geboren und wuchs die ersten Jahren ihres Lebens in seiner Nähe
auf. Sie hat aber sehr früh ihren Großvater und ihre Mutter verloren. So
bekam sie im jungen Alter die Rolle der Mutter für ihre Brüder, Hassan und
Hussein und war eine fürsorgliche Tochter für ihren Vater. Sie hat bewußt
die Situation nach dem Tod des Propheten (s.a.s) miterlebt und war
interessiert, wie sich die islamische Umma entwickelte.
Es gab nach den vier Kalifen unter den Umayyaden einige Herrscher, die sich
immer mehr von der islamischen Lehre entfernten. Sie benutzten den Islam für
ihre persönliche Macht und Interessen. Die islamische Lebensweise galt für
sie als Hindernis für ihre Vorteile. Dennoch nannten sie sich Muslime und
interpretierten die islamischen Grundlagen nach ihren eigenen Interessen .
Yazid war von der Dynastie der Umayyaden, und nach seinem Vater, Muawiyeh,
wurde er Amirulmuminin (der Führer der Gläubigen). Er war bekannt für seine
ausgelassene und vergnügungssüchtige Lebensweise. Hussein, der Enkel des
Propheten (s.a.s) , war in dieser Zeit der bedeutende religiöse Führer in
Madina. Um einem Treueid Yazid gegenüber aus dem Wege zu gehen, beschloß er,
Madina zu verlassen. Diese Auswanderung war ein Protest gegen die herrschenden
Mißstände, die ermöglichten, daß ein Mann wie Yazid der Führer der
Muslime werden konnte.
Yazid war besorgt, daß er durch diese Auswanderung und ihre Wirkung auf die
Menschen viele Verbündete verlieren könnte. Er mußte verhindern, daß diese
Auswanderung ein Erfolg wurde. Zainab kannte diese Einstellung von Yazid und
wußte, daß er alles unternehmen würde, diese Auswanderung zu verhindern.
Sie beschloß, ihren Bruder zu begleiten. Mit Zustimmung ihres Mannes
verabschiedete sie sich von ihm und von ihren Kindern.
Als Hussein und seine Begleiter die Stadt Kufa erreichten, bekam der Herrscher
von Kufa, Ibn Ziad, der Vertreter von Yazid, den Befehl, Hussein und seine
Begleiter nicht in die Stadt hineinzulassen. Hussein machte vor Kufa halt.
Zainab spürte, daß ihnen eine sehr schwierige Zeit bevorstand. Sie war
besorgt um ihren Bruder, seine Familie und diejenigen, die ihn begleiteten.
Hussein versuchte, durch seine Ansprachen die Menschen in Kufa an ihre
Versprechungen und ihre Einladung zu erinnern. Sie waren aber machtlos und
hatten zu viel Angst, um etwas unternehmen zu können.
Um Hussein zur Umkehr zu zwingen, verhinderten die Befehlshaber von Kufa ihn
und seine Begleiter an dem Zugang zu den Wasserquellen. Dies war in der Hitze
der Wüste brutalste und effektivste Taktik, die Niederlage des Feindes zu
erzwingen. Hussein rief seinen Begleiter auf und sprach zu ihnen: "Uns
stehen schwierige Tage bevor , dennoch werde ich ausharren. Es ist die Zeit,
in der die Menschen auf die Mißstände in der islamischen Gesellschaft
aufmerksam gemacht werden müssen, und dafür bin ich hier. Diejenigen von
euch, die nicht dabei sein wollen, sollen zurückkehren. Ihr braucht euch
nicht zu schämen und es ist kein Vergehen, wenn ihr zurückkehrt. Wir werden
bestimmt keine Chance haben, gegen sie zu kämpfen, aber ich bleibe standhaft,
da ich eine Aufgabe zu erfüllen habe."
In der Dunkelheit der Nacht kehrten einige Begleiter zurück. Zainab war davon
überzeugt, daß ihr eigener Einsatz in dieser Situation notwendig sei. Sie
blieb bei ihrem Bruder und versorgte zuerst die geschwächten Kinder , die
sehr unter Wassermangel litten. Dem Herrscher von Kufa und Yazid machte das
Ausharren dieser kleinen standhaften Gruppe Sorgen. Sie mußten schnell
handeln, bevor diese Art öffentlichen Protestes Früchte trägt. Am neunten
Muharram (erster Monat im islamischen Kalender) im Jahr 60 nach Hidjra
schickte Ibn Ziad ein Heer zum Lager von Hussein. Es war ein hinterhältiger
und ungleicher Kampf: ein Heer von Kämpfern mit kompletter Ausrüstung griff
eine kleine Gruppe geschwächter Menschen mit vielen Frauen und Kindern an,
die auf eine Reise und nicht auf Kampf eingerichtet waren. Das Ergebnis war,
wie erwartet, daß Hussein und viele Männer und Kinder gefallen waren und
alle anderen gefangen genommen wurden.
Zainab wußte trotz ihre unendlichen Trauer, daß schwierige Aufgaben auf sie
warteten. Eine Frau, die ihre männlichen Begleiter verloren hatte, und die
Gefangene eines mächtigen und brutalen Herrschers war, hatte zu der damaligen
Zeit eine besonders schwierige Situation. Doch gerade wegen dieser ausweglosen
Situation und aus ihrer Trauer heraus und mit ihrer innigen Ergebenheit zu
Allah fühlte sie sich stark genug, auf Allahs Weg Not und Pein auf sich zu
nehmen und für die Aufdeckung dieses Verbrechens durch Yazid an der Familie
des Propheten zu sorgen.
Yazid veranlaßte ein Fest und lud viele Herrscher und Befehlshaber aus den
umliegenden Gebieten ein, um seinen Sieg zu feiern. Die Gefangenen sollten
vorgeführt werden, um zu zeigen, wie er mit seinen Feinden umging. Das Fest
erreichte seinen Höhepunkt, alle waren vergnügt, und Yazid erzählte von
seinem Sieg. Schließlich wurden die Gefangenen eingelassen.
Mit den anderen Gefangenen betrat auch Zainab den Raum. Als sie vor Yazid
stand, konnte sie ihre Trauer und Wut nicht verbergen; dennoch hielt sie inne
und bat ihn ruhig um eine kurze Ansprache. Yazid, der große Herrscher, konnte
diese Bitte nicht abschlagen, besonders nicht vor so vielen Anwesenden, denen
er demonstrieren wollte, daß er ein gerechter Herrscher war. Er war sicher,
daß eine gefangene Frau ihm nicht mit ihren Worten schaden konnte.
Zeinab's Ansprache unter diesen Umständen ist in der islamischen Geschichte
Ausdruck und Beispiel an Gottesehrfurcht, Persönlichkeit und Fähigkeit einer
gläubigen Frau, in einer schwierigen Phase zur Aufdeckung und Verbreitung der
Wahrheit beitragen zu können. Ihre Kritik an Yazid, obwohl sie seine
Gefangene war, zeigt ihre Gottgläubigkeit, ihr starkes Vertrauen an Allah und
ihren Mut. Die Geschehnisse in der Gesellschaft waren ihr nicht gleichgültig
und sie wußte, daß jeder Mensch in dieser Welt die Verantwortung hat, sich für
Gerechtigkeit einzusetzen.
Hier einige Teile von Zeinab's Ansprache, die einige Herrscher und
Befehlshaber von Yazid nachdenklich machte:
"Im Namen Allahs, des Allerbarmers, des Barmherzigen! Alles Lob gebührt
Allah, Dem Herrn der Welten und Friede sei mit seinem Propheten (s.a.s). Allah
spricht im Qur'an:
"Böses war dann das Ende derer, die Böses taten, weil sie die Zeichen
Allahs leugneten und sich darüber lustig machten." Sure
30:10
O Yazid! Du hast uns
eingeschlossen und uns alle Wege abgeschnitten. Du hast uns mit Frauen und
Kindern ohne Wasser in der Hitze der Wüste verdursten lassen. Du glaubst, daß
du dadurch eine hohe Stellung bei Allah hast? Du fühlst dich als Sieger und
freust dich darüber? Bleib am Boden und sei ruhig! Hast du vergessen, was
Allah im Qur'an spricht?:
"Jene, die ungläubig sind, sollen ja nicht meinen, daß Wir ihnen
Aufschub gewähren, sei gut für sie selbst. Wahrlich, Wir gewähren ihnen nur
Aufschub, damit sie an Sündhaftigkeit zunehmen und ihnen wird erniedrigende
Strafe zuteil." (Sure
3:178)
O Yazid! Du hast die
Familie des Propheten umgebracht und die Frauen von seiner Familie
gefangengenommen und vor anderen zur Schau gestellt. Du hast ihnen keinen
Respekt erwiesen, obwohl sie keinen Mann als Begleiter haben. Du bist stolz
und glaubst einen großen Sieg erreicht zu haben."
Hier wandte Zainab sich an Allah und sprach zu Ihm: " O Allah! Du bist
der Gerechte und Du siehst, wie sie ungerecht Blut vergießen. Richte Du
Selbst über sie o Allah!"
Dann sprach Zainab wieder Yazid an: "Bei Allah, du hast uns nicht
besiegt. Durch diese Tat hast du in dein eigenes Fleisch geschnitten.
Diejenigen, die dich jetzt umkreisen, werden wissen, was für ein Herrscher
und Mensch du bist. Sie werden wissen, wie du der islamischen Umma geschadet
hast. Wenn wir heute als Gefangene vor dir stehen und verurteilt werden, am
Tage des Gerichts werden wir dich bei Allah anklagen. Alles Lob gebührt
Allah, Dem Herrn der Welten. Ich bitte um Seine Barmherzigkeit für
diejenigen, die als Zeugen gestorben sind und bitte um Seine Hilfe, daß wir
auf ihrem Weg weitergehen. Er ist Der Verzeihende und Der einzige Beschützer.
Zainab`s Ansprache brachte die Anwesenden zum Nachdenken, es herrschte lange
Stille im Raum.
Zainab's Vertrauen an Allah und ihr Mut waren die fruchtbare Fortsetzung der
Ereignisse am 9. und 10. Muharram (Tasua und Aschura) im Jahre 60 n.H. Sie
zeigte, wie die Menschen auf Allah's Weg Ihm vertrauen sollten, und keine
irdische Macht kann sich über Allah erheben.
Das Verhalten Zainab`s, der Enkelin des Propheten (s.a.s) , ist ein Aufruf an
die islamische Umma, in jeder noch so schwierigen Situation Allah zu gedenken,
nämlich in Wort und Tat. Es ist die Pflicht aller Muslime, sich für den Weg
Allah`s mit allen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten einzusetzen.
Dies gilt sowohl für muslimische Frauen als auch muslimische Männer.
"Diejenigen, zu denen die Leute sagten: "Wahrlich, die Leute haben
sich gegen euch zusammengeschart, so fürchtet sie, "sie wurden nur noch
in ihrem Glauben bestärkt. Und sie sagten: "Gott ist uns genug, und was
für ein Sachwalter voll Gnadenfülle ist Er!"( Sure 3:173)