Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen
"Wahrlich, Gott liebt jene, die sich Ihm reuevoll zuwenden und
die sich reinigen" (Sura al-Baqara, Vers 222)
Zu den wichtigen Faktoren der islamischen Erziehungsordnung gehört die
Reue, arabisch al-tawba. Bereuen bedeutet, sich von etwas abzuwenden und
zurückzukehren, d.h. Abkehr von der Sünde, die einhergeht mit der Enttäuschung
über das zuvor Getane, und zugleich die Entscheidung einschließt, diese
Sünde nicht noch einmal zu begehen und das durch diese Sünde Versäumte
nachzuholen. Allumfassende Veränderung im Innern Die Reue wird im Islam
als eine allumfassende Veränderung angesehen, die das gesamte Wessen des
Menschen umfasst und seine Neigungen und seinen Willen so beeinflusst, daß
er sich von allen schlechten und negativen Handlungen entfernt und sich in
die göttliche Richtung orientiert. Der Mensch ist ein innerlich bedürftiges
Wesen; er hat keine Stärke und Macht seinem Schöpfer gegenüber, und
seine Wurde und Glückseligkeit sind eng verbunden mit dem Grad seiner
Vervollkommnung. Er muss seine Würde und Glückseligkeit erwerben und
bewahren. Dabei ist er aufgrund seiner Neigungen und Begierden immer gefährdet,
die Grenzen zu überschreiten.
Die Reue durchläuft drei Stufen:
1. Gott wendet sich in Seiner Gnade und Barmherzigkeit dem Menschen zu,
so daß dieser sich von seinen niedrigen und sündhaften Handlungen zu
befreien sucht,
2. Der Mensch wendet sich in seinem Innersten reuevoll wieder Gott zu
und hofft auf Sei ne Vergebung. Das ist der Aspekt, der allgemein unter
Tawba verstanden wird.
3. Die Reue wird von Gott angenommen, d.h. Seine aufrichtigen Knechte
und Diener erlangen Seine Gnade und Vergebung. Er nimmt uns und unsere
Hinwendung zu Ihm an.
Im Qur'an wird auch die Reue von Propheten und aufrichtigen
Gottesdienern besprochen, die sich reumütig Gott zuwenden, obwohl sie
keine Sünden begangen haben. In diesem Zusammenhang wird deutlich, daß
Entfernung und Nähe zu Gott eine relative Bedeutung haben und die Reue
der Propheten ihre besondere Nähe zu Gott zum Ausdruck bringt.
Rückkehr zur göttlichen Veranlagung
Die Reue steht in unmittelbarer Beziehung zur Sünde, denn Reue
bedeutet die Reinigung und Läuterung von sündhaften Werken, die den
Willen Gottes und Seine Gebote verletzen und den Menschen von seiner göttlichen
Veranlagung entfernen.
Andererseits gibt es im Qur'an zahlreiche Verse, die von einer
allgemeinen Reue sprechen, die alle Sünden des Menschen umfasst. Diese
Verse sprechen jedoch die Reue derjenigen an, die vom Götzendienst den
Weg zum Islam gefunden haben; d. h. daß der Eintritt in den Islam alle
vergangenen Sünden und schlechten Handlungen beseitigt.
Das Bewusstsein von der negativen Rolle der Sünde für die spirituelle
Entwicklung und Vervollkommnung des Menschen, der Zustand der inneren Enttäuschung
und Veränderung und die guten Handlungen, die daraus resultieren, sind
eng miteinander verbunden. Je tiefer die Erkenntnis und das Bewusstsein
'ilm) des Menschen von der negativen Rolle der Sunde ist, desto mehr
werden seine innere Veränderung und sein Zustand (hal) davon betroffen;
und je umfassender diese Veränderung ist, desto mehr beeinflussen sie die
guten Handlungen (fi'l) des Menschen.
Wenn der Mensch erkennt, welchen negativen Einfluss die Sünde auf
seine Vervollkommnung und Persönlichkeitsentwicklung hat und wie sie ihn
von seinem geliebten Herrn entfernt, hat er einen besonderen Zustand
erreicht: das Eingestehen seiner Sünden fördert seine Selbsterziehung
und damit seine Annäherung an Gott. Der Hauptaspekt von Tawba ist also
das Bewusstsein, das als Quelle des Guten angesehen wird. Dieses
Bewusstsein, das auf Glauben und Gewissheit basiert, entfacht im Herzen
des Menschen ein Feuer, das alle Neigungen zur Schlechtigkeit verzehrt, so
daß er sich in die göttliche Richtung orientieren kann.
Der folgende Qur'anvers spricht von den Tawwabin, den Bereuenden, und
den Mutafahirin, den sich Reinigenden, und betont .somit den reinigenden
Charakter der Reue. "0 die ihr glaubt, wendet auch zu Allah in
aufrichtiger Reue. Vielleicht wird euer Herr eure Übel von euch nehmen
und euch in Gärten führen, durch die Ströme fließen, am Tage, da Allah
den Propheten nicht zuschanden machen wird noch jene, die mit ihm glauben.
Ihr Licht wird vor Ihnen her eilen und auf ihrer Rechten. Sie werden
sprechen: 'Unser Herr, mache unser Licht für uns vollkommen und vergib
uns, denn du vermagst alle Dinge zu tun.' " (Sure At-Tahrim, Vers 8)
In Sure al-Tawba, Vers 112 werden verschiedene Gruppen genannt, die als
wahre Gläubige angesehen werden: "Die sich in Reue zu Gott wen den,
Ihn anbeten. Ihn lobpreisen, die in Seiner Sache wandern, die sich beugen
und niederwerfen, die das Gute gebieten und das Böse verbieten, und die
Schranken Allahs achten verkünde diesen Gläubigen frohe Botschaft.
" Als erste Gruppe nennt Gott die Bereuenden, womit betont wird, daß
sie nicht nur zu der Gruppe der Gläubigen gehören, sondern auch eine
besondere Stellung unter ihnen haben. Die vielfachen Segnungen Gottes, sei
es Intelligenz, Reichtum, Wissen, Kinder etc., dürfen
uns nicht zu dem Trugschluss verleiten, wir könnten damit umgehen, wie
es uns gerade beliebt. Die Gaben Gottes sollen uns vielmehr da- zu
anhalten, sie zu Seiner Zufriedenheit zu gebrauchen. Der Islam
unterscheidet große und kleine Sünden: "Jene, die die großen
Sunden und Schändlichketten meiden, bis auf kleine Vergehen, wahrlich,
deines Herrn Verzeihen ist weitumfassend. " (Sure al-Nadschm, Vers
33)
Allerdings differieren die Lehrmeinungen darüber, was als große und
was als kleine Sünde anzusehen ist. Jede Sünde, und sei sie noch so
klein, ist gleichbedeutend mit Ungehorsam gegenüber unserem Schöpfer und
Erhalter; und wer selbst seine Sünde als gering einschätzt, hat damit
eine große Sünde begangen, denn er hat Gott und Seinem Willen nicht die
gebührende Achtung geschenkt. Auch wer in der Öffentlichkeit sündigt,
vergrößert seine Schuld, weil er die Sünde damit verharmlost und andere
eventuell zur Nachahmung bewegt.
Wahre Reue löst den Menschen von seinen schlechten Einstellungen und
sein Herz wird vom Licht des Guten und der Gottesliebe, der Quelle aller
guten Handlungen, beherrscht. Deshalb erscheint in zahlreichen Versen im
Zusammenhang mit Reue der Begriff "islah" (Veränderung oder
Verbesserung). Die Reue ist ein Kampf gegen sich selbst, durch die der Sünder
zu seiner wahren Persönlichkeit zu- rückfinden kann. Die Reue wird nach
islamischem Verständnis nicht zwangsläufig angenommen, sie ist vielmehr
eine Barmherzigkeit Gottes, auf die jeder Gläubige hofft.
Überwinden von Sünde und Hoffnungslosigkeit im Diesseits
Wenn der Mensch ein tiefes Bewusstsein und die Gewissheit hat, daß die
Sünden einen negativen Einfluss auf sein Leben und seine Glückseligkeit
haben, kann er sich selbst davon fernhalten. Diese Gewissheit ist nicht zu
trennen von der inneren Enttäuschung über sich selbst. Denn ist diese
Enttäuschung ins Innere des Menschen vorgedrungen, wird er darum bemüht
sein, vom sündhaften Handeln zum positiven und guten Tun zurückzukehren.
Wäre der Mensch aber davon überzeugt, daß seine Sünden und Fehler
nicht verändert oder verbessert werden können, hätte er auch keine
Hoffnung auf Rettung vor dem Zorn Gottes und damit auch keinen Grund zu
Reue oder Veränderung- Doch nur der Sünder selbst kann sich direkt an
Gott wenden und sich durch aufrichtiges Bereuen seiner sündhaften Taten
reinigen und seine Fehler wiedergutmachen. Das ist nur im Diesseits möglich,
wo der Mensch willentlich auf seine Entwicklung und Vervollkommnung
Einfluss nehmen kann. Im Jenseits jedoch, wo der Wille des Menschen auf
die Glückseligkeit bzw. Unglückseligkeit keinen Einfluss hat, gibt es
auch keine Reue.
Die Reue verwandelt in Verbindung mit Glauben und guten Handlungen das
Böse des Menschen in Gutes; d.h. die revolutionäre spirituelle Veränderung
im Innern des Menschen reinigt sein Herz und verändert dadurch seine
Handlungen. Wenngleich die Reue auch eine derartige Rolle spielt und die
negativen Handlungen des Menschen beseitigt, sollte dennoch nicht
vergessen werden, daß Taqwa bzw. der Selbstschutz des Menschen vor Sünde,
mehr Würde hat, als daß der Mensch schlechte Taten begeht und diese dann
bereut. Die Sünde ist aus qur'anischer Sicht eine List des Teufels, durch
die der Mensch von der Gottergebenheit abgehalten wird und die
Barmherzigkeit Gottes nicht erlangen kann- Wenn der Mensch sich jedoch um
Taqwa bemüht, d.h. wenn er sich selbst schützt und vor Sünden bewahrt,
wird er als ein aufrichtiger Diener Gottes angesehen.
|