Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen
Islamische Ethik
Im Namen Gottes, des Erbarmers, des Barmherzigen
„Die Dinge, die auf der Waagschale am Tage des jüngsten Gerichts am
schwersten wiegten, Gottesfurcht und guter Charakter."
Diese Überlieferung des Propheten Mohammad lässt auf den hohen
Stellenwert des `guten Charakters` schließen. In der Tat bildet Ethik
(arab. akhlaq) neben den Glaubensprinzipien und den religiösen Geboten
den dritten wichtigen Bereich, der den islamischen Quellen, dem Qur'an
und den Überlieferungen des Propheten zu entnehmen ist. Nach
qur'anischer Auffassung ist es `guter Charakter`, der zur Glückseligkeit
führt. Der Qur'an definiert Charakter als die Gesamtheit dessen, was das
Innere des Menschen ausmacht und dessen Verhalten und Handlungen bestimmt.
Guter Charakter ist Ausdruck einer Verhaltensweise, die in Einklang steht
mit der jedem Menschen mitgegebenen `göttlichen Anlage`. Dem Menschen
gilt es, diese innere Anlage zur Entfaltung zu bringen. Er soll sich göttliche
Attribute - das Gute - zueigen machen und alles nicht göttliche von sich
fernhalten. Attribute wie Leben, Ewigkeit, Einheit, Kraft, Wahrheit,
Gerechtigkeit und Liebe werden u.a. Gott zugeschrieben und sollen im
Menschen in relativer Form erscheinen.
Leben und Ewigkeit
„Allah, es ist kein Gott außer ihm, dem Lebendigen" (Sure
2:255), „der Leben spendet" (Sure 2:260). Leben zählt
als kostbares Gut, das es unter allen Umständen zu erhalten gilt. „Wenn
jemand einem Menschen das Leben erhält, so soll es sein als hätte er der
ganzen Menschheit das Leben erhalten" (Sure 5:35), heißt es im
Qur'an. Zum Leben gehören Freuden und Annehmlichkeiten, die dem Menschen
nicht verwehrt bleiben sollen. Essen und Trinken, Vermögen und Besitz
sind für den Menschen geschaffen - nur soll er das Maß nicht überschreiten
(7:31). Und doch soll das eigentliche Ziel des menschlichen Lebens nicht
auf das diesseits fixiert sein, „denn die Wohnstatt des Jenseits -
das ist Leben fürwahr, wenn sie es nur wüssten!" (Sure 29:65) „Denn
der Genuss des irdischen Lebens ist gar klein, verglichen mit dem künftigen"
(Sure 9:38). Diesseits und Jenseits bilden vielmehr eine Einheit mit
unseren guten Taten auf dieser Welt als Saat für unser Leben im Jenseits.
Das Attribut der Ewigkeit kommt in seiner Ganzheit nur Gott zu, „denn
für den Menschen bestimmte Er eine Frist" (Sure 69:2). Doch hat
der Mensch eine starke Sehnsucht nach dem Ewigen, ist es auch „der
Baum der Ewigkeit" zu dem Satan den Adam (ver)-führen will „und
zu einem Königreich, das nimmer vergeht" (Sure 20:120). Allein
Menschen „die gläubig sind und gute Werke tun", verheißt
der Qur'an die Ewigkeit (Sure 20:24).
Einheit
Tauhid (Einheit) beinhaltet den Glauben an die absolute Realität und
deren göttliche Gesetzmäßigkeiten im Dasein, wonach die Menschen nicht
nach Willkür, sondern anhand ihrer Taten beurteilt werden: „Und wer
auch nur eines Stäubchens Gewicht Gutes tut, der wird es dann sehen, und
wer auch nur eines Stäubchens Gewicht Böses tut, wird es auch
sehen" (Sure 49:10). Angestrebt wird die Einheit der ganzen
Menschheit, denn sind doch alle „aus einer Seele erschaffen" (Sure
4:1).
Die Größe des Menschen
„Gott hauchte ihm von seinem Geiste ein" (Sure 15:29) und machte
ihn zu seinem Stellvertreter" (Sure 2:30). Er machte den Menschen
die Sonne, den Mond, die Meere und die Flüsse dienstbar (Sure 14:32), und
befahl selbst den Engeln, sich vor ihm niederzuwerfen (Sure 2:34). Er
lehrte den Menschen zwischen gut und böse zu unterscheiden (Sure 76:3)
und gab ihm einen freien Willen (Sure 74:55). Diese Kräfte soll der
Mensch im Sinne seiner ihm von Gott aufgetragenen Verantwortung zur
Errichtung einer Gesellschaft in Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.
Wahrheit und Weisheit
Hinter Weisheit verbirgt sich die Suche des Menschen nach Wissen oder
Wahrheit, die sich vom „Buchwissen" und bloßer Vermutung
unterscheidet. "Und wenn du den meisten derer auf der Erde
gehorchst, werden sie durch von Gottes Weg entfernen. Sie folgen nur
Vermutungen und raten bloß (Sure 6:16). „Und Vermutung nützt
nichts gegenüber der Wahrheit" (Sure 10:34). Im Qur'an werden
wiederholt Gleichnisse aufgestellt, „auf das sich die Menschen
besinnen mögen" (Sure 7:176), „denn in der Schöpfung der
Himmel und der Erde liegen Wahrhaft Zeichen für die Verständigen, die
Allahs gedenken und über die Schöpfung nachdenken und sprechen: „Unser
Herr, du hast dies nicht umsonst geschaffen" (Sure 3:191). Denn
keiner wird die Botschaft der Offenbarung erfassen, „der nicht ein
begründetes Wissen hat" (Sure 3:2).
Gerechtigkeit
Dieses göttliche Attribut wird dem Menschen im Qur'an ganz besonders
ans Herz gelegt. „Denn Gerechtigkeit ist Gottesfurcht sehr nahe"
(Sure 5:7), Gottesfurcht steht für die Gesamtheit aller
anzustrebenden göttlichen Werte. „Gott befiehlt, wenn ihr zwischen
Menschen richtet, nach Gerechtigkeit zu richten" (Sure 4:57),
„denn er liebt jene, die gerecht urteilen" (Sure 5:45) „O
die ihr glaubt, seid auf der Hut bei der Wahrnehmung der Gerechtigkeit und
seid Zeugen für Allah, auch dann, wenn es gegen euch selbst oder gegen
eure Eltern und Verwandte geht" (Sure 4:135). Gottes Botschaft
wird im Qur'an als eine Verkörperung von Wahrheit und Gerechtigkeit
bezeichnet (Sure 5:7). Gerechtigkeit ist stets einzuhalten, „selbst
der Hass einer Schar soll euch nicht dazu verleiten, anders als gerecht zu
handeln" (Sure 5:7). Gerechtigkeit erfordert, daß der Mensch in
Wort und Tat aufrichtig ist und seine Versprechungen einlöst und sich an
getroffene Vereinbarungen hält (Sure 2:217).
Liebe
Die beste Stufe aller Stufen der Liebe ist die Liebe des Menschen zu
Gott , die „die Liebe zu den Eltern, Verwandten, Waisen, Armen, den
Nachbarn, sei er verwandt oder aus der Fremde, den Begleiter an der Seite
und den Sohn des Weges" (Sure 4:35) einschließt. „Wärest
du nicht milde", heißt es im Qur'an zu Muhammad, „die
Menschen wären dir davongelaufen" (Sure 3:157). Moses wurde
aufgetragen selbst dem tyrannischen Pharao Milde und Güte
entgegenzubringen (Sure 20:44). Liebe drückt sich in Bescheidenheit und
Opferbereitschaft dem Nächsten gegenüber aus. Wer seinen Nächsten
liebt, übersieht dessen Fehler (Sure 2:109) und „wird vergeben wenn
er Zornig ist" (Sure
42:37). Wer Gott liebt geht seiner inneren Stimme nach und tut Gutes (Sure
2:195). „Gläubige wetteifern in Guten Werken" (Sure 3:114),
denn höchste Ehre gebührt jenen, die in guten Taten voraneilen" (Sure
56:10). Göttlichen Attributen stehen Werte gegenüber, die dem
widerspenstigen Satan zugeschrieben werden, der im Qur'an von sich
behauptet : „Ich werde deine Diener irreleiten und eitle wünsche
erregen und ihnen Befehle erteilen und sie werden Gottes Schöpfung verändern"
(Sure 4:118). „Er sät die Saat der Feindschaft und des Hasses"
(Sure 5:94), erweckt falsche Hoffnungen (Sure 4:120) und befiehlt Schändliches
und Unrechtes (Sure 24:21). Satan symbolisiert alle zerstörerischen Kräfte,
von denen sich der Mensch fernzuhalten hat, will er nicht selbst verloren
gehen.
Zerstörung von Leben
Bereits die Engel fragten Gott nach dem Grund für die Erschaffung des
Menschen, wo doch dadurch das Leben auf Erden gefährdet sei: „Willst
du denn dort solche Wesen haben, die darauf Unfrieden stiften und Blut
vergießen?" (Sure 2:31) Und tatsächlich ist es ein Nachkomme
Adams (Kain), der Menschenleben vorsätzlich vernichtet. Es heißt im
Qur'an: „Und wenn jemand einen Menschen tötet so soll es sein, als hätte
er die ganze Menschheit getötet" (Sure 5:35). Auch sind Gefühle
der Angst, Verzweiflung und der Resignation zu überwinden: „Wissen
sie nicht, daß Allah die Mittel zum Unterhalt weitet und beschränkt, wem
er will?" (Sure 39:52) Es gibt auch andere Verhaltensweisen, die
Leben zerstören: „Wer einen Fehler oder eine Sünde begeht und sie
dann einem Unschuldigen zur Last legt, der trägt eine Verleumdung und
offenbare Sünde" (Sure 4:113). Ebenso verwerflich ist es,
jemanden zu verspotten und üble Nachrede zu begehen.
Zwietracht
Gott Partner zur Seite stellen , bedeutet, Gottes Schöpfung
anzuzweifeln. Zwietracht und Uneinigkeit sind die einen, religiöse
Haarspaltereien und Aberglaube die anderen Folgen. Es ist der Teufel, der
die Menschen zum Streit bewegt (Sure 7:200), aus Mangel an Einsicht (Sure
59:149) lassen sie sich auf ihn ein. Zur Vorbeugung dessen gebietet der
Islam allen, sich am Seile Gottes festzuhalten (Sure 3:104).
Ohnmacht
Es ist ein Zeichen von Gottferne, wenn der Mensch bei Schwierigkeiten
vorschnell resigniert (Sure 8:46), „sich betrübt um das, was ihm
entging" (Sure 57:24) oder „voller Klage ist, wenn ihm
Schlimmes trifft, knauserig, wenn ihm Gutes widerfährt" (Sure
70:20), denn „die Gläubigen, sie verzagen nicht, was immer sie auch
auf Allahs Weg treffen mag, noch werden sie schwach, noch demütigen sie
sich" (Sure 3:147). Ebensowenig ist es geboten, Angst vor den
Menschen (Sure 4:77) oder vor dem Satan zu haben (Sure 3:175).
Eindringlich werden die Machthungrigen gewarnt, „die den Menschen
Unrecht zufügen und auf Erden freveln" (Sure 42:42), oder die
mit falschem Stolz (Sure 38:3) „um Mehrung an Gut und Kindern
wettrennen." (Sure 57:20) Satan wurde des Himmels verwiesen, weil
er aus Hochmut die Grenzen seiner Macht überschritten hatte (Sure 7:13).
Gottesfurcht und Reue
Der Qur'an wurde offenbart, die moralische Haltung der Gottesfurcht
(taqwa) unter die Menschen zu bringen. Sie rettet den Menschen vor
Selbstzerstörung (Sure 27:53) und hilft ihm, sein Leben zum Wohlgefallen
seines Herrn und dem seiner Mitmenschen zu bestreiten. Wenngleich der
Mensch immer wieder Fehler begeht, ist er doch nicht in Sünde geboren. Er
selbst kann jederzeit um Vergebung bitten: „Er ist es, der Reue
annimmt von Seinen Dienern und Sünden und vergibt und weiß, was ihr
tut" (Sure 42:26). Menschen ist kein Anlass zum Pessimismus
gegeben, da Gott jedem vergibt, der aufrichtig bereut (Sure 9:118). Sich
kontinuierlich an Gott zu wenden, ist gar ein Zeichen der wahrhaft Gläubigen
(Sure 9:112). Die Schöpferische Weisheit versucht den Menschen über die
Auswirkungen seiner Taten zum ethisch - moralischen Verhalten zu führen.
Gute wie schlechte Taten werden in dieser wie jener Welt nicht ohne Folgen
bleiben. Gott legt sich selbst die Verpflichtung auf, jene, die sich in
dieser Welt für Seine Sache eingesetzt haben, im Jenseits mit Glückseligkeit
zu belohnen (Sure 9:21,22).
Darüber hinaus gelangt der Mensch über die Verinnerlichung des
Einheitsbewusstseins zu edlem Charakter. Dazu wurden die heiligen
Schriften herabgesandt. Gelangt der Mensch einmal zur Erkenntnis, daß „Allahs
die Herrschaft der Himmel und der Erde ist" (Sure 3:189), wird er
länger keine Veranlassung sehen, etwas Schlechtes zu tun, nur um sich
einen kurzlebigen Nutzen zu verschaffen oder einen vermeintlichen Schaden
abzuwenden. Ein solcher Mensch wird einzig und allein nach der
Zufriedenheit seines wahren Herrn streben. Sein Streben wird auf Liebe und
Zuneigung zur Wahrheit beruhen, und diese Liebe, die dem Glauben an den
einen Gott entspringt, ist die größte Macht auf Erden: „Diejenigen,
die glauben, sind stärker in der Liebe zu Gott" (Sure 2:165).
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